Oft wundere ich mich, was diese wirklich "kranke" Welt für mich mal wieder bereithält, obwohl ich gar nichts davon bestellt habe.
Und das schreibe ich dann hier auf. Was Euch dabei erwartet? Euch erwartet ein etwas anderer Blick auf die merkwürdigsten Augenblicke meines Alltags. Denn vieles was passiert, ist wirklich unfassbar. Und auf den ersten Blick auch gar nicht so lustig. Sondern eher ärgerlich. Aber jede Situation hat noch einen zweiten Blick verdient. Und dann wird’s auch wieder lustig. Also, ich biete Euch hier ab und zu ne kurze Story. Mal mit feinem Spott und bissiger Ironie. Mal aus der Sicht der puren Verzweiflung. Ganz oft aber einfallsreich lustig oder einfach nur komisch. Und Ihr?! Müsst einfach nur lesen und lachen. Gemeinsam sind wir lustig. Ach ja - und die "älteren" Storys findet Ihr dann in der Rubrik "Was bisher geschah". Schaut mal ganz nach oben.
Euer Olli Dahlke - Botschafter des Humors.
Warum ist der Wochenmarkt in Klein Sternstedt heute so extrem gut besucht? Wahrscheinlich hat der Gemüsestand „Grünes Gold“ wieder die seltenen Rispentomaten aus dem Vesuv-Vorland im Angebot. Oder der schnurrbärtige, niederländische Blumenlieferant „Oranje Bakker“ hat wieder eine neue Tulpen-Variante entwickelt und bietet zur Einführung zehn Tulpen zum Preis von Zwölf. Dann gibt er schlitzohrig zwei Blümchen kostenlos hinzu. Clever. Vielleicht bietet aber auch der ortsansässige Schustermeister „Step Styler“ heute seine Schuhe mit kostenfreien Aero-Einlagen für Senk-, Spreiz-, Platt- und Stinkfüße an. Apropos Geruch. Der friesische Fischdelikatessenstand „Hai-Happen“ hat heute seinen ersten Markttag nach sechs Wochen Thailand-Urlaub und bietet heute nicht nur Lachs- und Krabbenbrötchen, sondern auch seltene, exotische Zierfische im Kräuter-Curry-Baguette an. Stark limitiert. Langsam spricht sich aber eine ganz andere Sensation herum und ich kann es kaum glauben.
Der große KPI-Zirkus Rechen(t)rick & Schwestern ist auf der Durchreise ins Big-Data-Wunderland und schlägt heute spontan sein Daten-Zelt in Klein Sternstedt auf. Die Mittags-Aufführung zeigt heute das neue Programm „Reporting Royale – Das Zahlenballett der Bedeutungslosigkeit“. Eine Aufführung ohne Netz und doppelten Boden – dafür aber mit den extrem unlustigen Clowns Siegfried und ROI. Und ich mittendrin. Geil. Ein Werber der alten Schule mit einem Kommunikations-Mantel voller Werbe-Patina, einem Herz voller Erfahrungen und den Kopf voller neuen, kreativen Ideen. Und das Graf-Zahl-Orchester zieht stramm und laut ohne anzuklopfen in Klein Sternstedt ein. Ich schaue zum Werbehimmel und sehe wie E.T. – der Außerirdische auf seinem BMX-Rad Richtung Mond reitet. Auf seinem Hoodie steht „You can´t manage, what you can´t measure!“ Mir wird nicht nur übel, sondern auch sehr schnell klar: Es ist nicht mehr 1982. In diesem KPI‑Varieté der großen Zahlen gibt es keine Feuershow, keine Luftakrobatin, keine Zauberei und es wird auch nicht gelacht. Aber ich erkenne sehr wohl die neuen Zirkus-Stars und ihre Vorführungen. Atemberaubende Jonglage mit Excel-Tabellen, sensationelle Laser-Animationen im PowerBi-Look, spannende, semantische Datenmodell-Dompteure und Dashboard-Pyromanen mit brennenden Ampel-Symbolen für bessere Grenzwertüberschreitungs-Darstellungen im Lower-Funnel. Auf geht´s, liebe Zuschauer und Zuschauerinnen, die Manege ist frei für einen etwas anderen Blick auf die Messbarkeit von Marketing-Maßnahmen.
Akt 1: Die Bruttoreichweite. Jetzt noch breiter als je zuvor.
Der Zirkus-Direktor „Bruttoreichweite“ eröffnet die Show mit großen Zahlen. Ein echter Hit. Bruttoreichweite ist schließlich der Presslufthammer unter den KPIs. „Reichweite ist schließlich Reichweite!“, ruft er und zeigt mit dem Messbecher auf jeden Einzelnen im Publikum. „Es zählen „Alle! Wirklich alle! Mindestens einmal!“ Und als die laute Eröffnungstrompete leiser wird, zählt er nochmal nach: Vater, Mutter, Kind, Oma mit Hausärztin, die Wollnys, der Tokio Hotel Fan-Club „die Aliens“, die Gegenbauer Putzkolonne, der Mond und ein Hund, der gerade kurz am Zelt schnuppert und sein Bein hebt. Es sind ganz genau 8.067 Besucher im 300-Mann-Zirkus-Zelt. Alle werden erreicht. Ob davon drei schlafen, vier gedanklich bei ihrer Steuererklärung sind und einer von der großen Freiheit träumt, weil gerade eine Taxi-Drohne vorbeifliegt. Das ist egal. Sie sind da. Wie eine Schulklasse auf E-Scootern im Berufsverkehr. Präsenz ist Präsenz. Es zählt nicht, wer klatscht oder wer nur wegen des Popcorns da ist. Wichtig ist: Das Zirkuszelt ist bummsvoll. So voll, dass sogar Leute draußen behaupten: „Ich bin auch drin.“ Und genau das ist der Punkt. Marken wachsen nicht, weil Hans‑Peter aus Buxtehude sich nach genau 3,7 Sekunden „emotional engaged“ fühlt. Marken wachsen, weil alle darüber reden. Auch die, die gar nicht im Zirkuszelt waren. Auch wenn sie es behaupten. Bruttoreichweite ist der breit grinsende Elefant, der durch Klein Sternstedt läuft, während die anderen KPIs mit Klemmbrett und Lupe hinterherhecheln. Jeder kennt den Elefanten. Heute. Und morgen auch. Und übermorgen. Bruttoreichweite ist keine Messgröße. Sie ist eine Drohung. Eine Ansage. Ein lautes „HALLO, HIER SIND WIR!“ in einer Welt, die permanent wegschaut. Und nicht nur dann, wenn die Trapeznummer schiefgeht. Mal ehrlich: Wenn Marketing ein Zirkus ist, dann ist die Bruttoreichweite das Zelt. Alles andere sind billige Sitzplätze.
Akt 2: Nettoreichweite. Die Zwiebel unter den KPIs.
„Das müssen wir bereinigen!“, ruft der Zirkus-Controller mit erster Mine und fängt an, Menschen auszusortieren. Nettoreichweite ist quasi die Bruttoreichweite im Thermomix. Alles wird erst mal reingeworfen und dann gnadenlos püriert und ausgesiebt. Bis am Ende eine Matsche-Suppe übrig ist, die zwar rein vegan aussieht, aber emotional komplett tot ist. Nettoreichweite ist der Zirkus-Türsteher unter den KPIs. Schwarzer Anzug, verschränkte Arme, headsetgestütztes Selbstwertgefühl. „Dich kenn ich schon. Du warst schon einmal hier: Raus.“ Die Dame mit dem roten Mantel? War letzte Woche auch schon da – zählt nicht. Der Typ mit dem Kick-Pullover mit 70% Alt-Plastik-Anteil? Zu arm. Zählt nicht. Oma mit Rätselhelft auf dem Rollator? Lächelt senil, aber zu alt. Keine Zielgruppe. Zählt nicht. Und wer nicht mindestens 20 EURO für das vegane Zirkus-Pferdefutter spendet, zählt auch nicht. Alle raus. Am Ende stehen 3,7 Menschen im Zirkus-Zelt. Einer davon aus Versehen, einer nur wegen kostenfreiem WLAN und einer, der eigentlich nur wissen wollte, ob die Tulpen auf dem Marktstand noch im Angebot sind. Die übrigen 0,7 sind unwichtige Rundungsdifferenzen. Herzlichen Glückwunsch: Deine Nettoreichweite. Sie hat etwas von einer Diät-Cola: sie schmeckt dünn, ist aber psychologisch zufriedenstellend und fühlt sich gut an. Der Zirkus-Controller klatscht.
Akt 3: Impressions. Die Konfetti-Kanone.
Jetzt kommt der Spass in die Manege. Der kleine digitale Pixel-Clown stolpert und pustet mit einem Industrieventilator 1.000 kg Konfetti aus geschredderte Excel-Tabellen planlos in die Manege. Keiner sieht mehr irgendetwas, aber alles hätte gesehen werden können. Und genau das reicht. Ob jemand gerade auf den Hintern der russischen Seilartistin schaut oder das Popcorn in der Tüte nach Größe sortiert, ist vollkommen egal. Die Show war da. Zack. Das zählt. Impression. Konfetti-Schnipsel Nummer 48.392.167 zeigt Wirkung. Jubel im Data‑Team. Digitale Impressions sind deshalb der feuchte Traum jedes Reportings. Sie sind immer viel, sie sind immer steigend und sie sehen auf Charts grandios aus. Balken gehen hoch, alle nicken. Wenn Bruttoreichweite das Zelt ist und Nettoreichweite der Türsteher, dann sind digitale Impressions die viel zu helle, penetrante Lasershow, die alle blind macht. Wegschauen nützt gar nix. Alle schauen, aus Sorge das Augenlicht zu verlieren, auf den Boden und werden trotzdem zählbar gelasert. Was für eine geile Show! Hat zwar keiner gesehen, aber was für eine geile Show. Erst als der Pixel-Clown auf die Reporting-Quietsche-Hupe drückt, spüren alle den massiven Erfolg.
Akt 4: Klicks. Das neue Applaus-o-Meter.
Jetzt wird es Zeit für die erste aufregende Jonglage-Nummer des Abends. Die KPI-Jonglage-Brüder „Zicke und Zacke“ und ihr Cousin „Rico Rasant“ schmeißen sich Keule, Ball und Eier zu. Jedes Fangen und wieder Hochschleudern wird mit einem lauten Beifall begleitet. So ist das auch mit den Klicks in der digitalen Werbewelt. Ein Klick ist noch kein Kauf, oft auch kein Interesse, kein wirkliches „Ich will dich oder ein Ich find Dich super“. Ein Klick ist ein Reflex. Wie Niesen oder Blinzeln oder die spontane Schimpfwort-Pöbelei Richtung Ordnungsamt-Mitarbeiterin. Die blöde Kuh. Oder eben aus Gewohnheit applaudiert, obwohl Keule, Ball und Eier schon kaputt auf dem Boden liegen. Rico schaut traurig, aber Zicke und Zacke reißen die Arme auseinander, gehe auf das Publikum zu und fordern ein heftiges Klatsch-Gewitter ein. Clown Pixel drückt sich mit der Quietsche-Hupe zeitgleich in Rage und schon wird applaudiert. Äh, ich meine geklickt. Jeder Klick ist ein Erfolg. Ob die Eier dann am Boden liegen, ist vollkommen egal. Alle haben geklickt, äh, ich meine applaudiert. Aus Mitleid. Aus Langeweile. Aus Wut. Wegen Schüttelfrost. Weil der Daumen fett ist. Klick. Erfolg. Das Zirkuszelt bebt und jubelt. Excel flippt aus. Reporting-Balken springen wie Flummis auf Koffein. Klicks sind der digitale Applaus. Kurz, laut, völlig unabhängig von Qualität. Beim Zirkus würde niemand sagen: „Die Nummer war großartig – ich habe fünfmal geniest!“ Aber im New Reporting-Circle heißt es: „Mega! 12.000 Klicks! Die Menschen lieben es!“ Nein. Sie haben es nur berührt. Wie im Möbelhaus. Keiner kauft das Sofa, aber alle haben mal draufgesessen. Oder, um im Zirkus-Bild zu bleiben, das 25 Jahre alte Läuse-Lama mit deutlichen Kahlstellen im Fell im Kinder-Streichel-Zoo. Alle haben es angefasst und danach zum Hygiene-Desinfektionstuch gegriffen. Man klickt eben, um etwas wegzumachen. Aber irgendwo in der Management-Summery steht dann: „Hohes Engagement.“ Und alle nicken ernst, als hätten sie gerade einen tiefen menschlichen Moment gemessen. Klicks sind nicht mehr als Fußspuren im Matsch. Sie beweisen, dass jemand da war. Ob er stehen blieb aus echtem Interesse oder direkt wieder wegrannte, weiß man im Marketing genauso wenig wie im Laufhaus bei den leichten Damen. Aber Applaus ist immer gut. Sie zeigen dem Künstler: Da draußen reagiert jemand auf das, was passiert. Vielleicht aus Versehen. Vielleicht aus Mitleid. Vielleicht im Halbschlaf. Aber hey. Er hat reagiert. Klicks sind nicht das Ziel. Sie sind der Türgriff. Und Marketing hält ihn fest und ruft: „Er wollte rein.“ Dabei wollte er vielleicht auch nur vorbei.
Akt 5: Cost per Click. Die dressierten Seelöwen der Effizienz.
Jetzt wird das Licht gedimmt. Es riecht nach Fisch. Ein Gong ertönt. Aus dem Vorhang watschelt die weltbekannte CpC‑Nummer in die Manege. Drei glitschige Seelöwen mit glänzender Haut, feuchten Augen und einem gesunden Frischfisch-Appetit nehmen Platz auf barocken Stehhockern aus dem Klein Sternstedter Sperrmüll-Sortiment. Vor ihnen ein bärtiger Mann im Frack: der griechische Robben-Dompteur „Costas per Click“. In der einen Hand einen Eimer voller Fische und in der anderen Hand ein Preisschild. Costas erklärt die Robben-Show: „Meine Damen und Herren… eh… ich sage: ehrwürdige Frauen und Männer! Ihr werfet eine Münze von Euro in die Manege… und wenn Poseidon ist gnädig, die Robben machen mit Flossen großen Klatsch-Klatsch, wie im Theater von Dionysos!“ So soll es sein. Der erste Euro fliegt zu den Robben und nichts passiert. Erst nach Euro 2 und 3 jaulen und klatschen sich die Seelöwen in einen Rausch. Tosender Applaus. Nicht für die Seelöwen, sondern für den Preis. Costas hält das Preisschild hoch: „Nur 3 Euro!“, ruft der Dompteur stolz ins Publikum. Der Zirkus-Controller wischt sich Tränen der Rührung aus den Augen. So günstig hat noch nie jemand unkontrolliert reagiert. Ein Hoch auf die Robben-Show. Jede Runde läuft gleich: Münze werfen, Flossen klatschen oder eben nicht. Weitere Münze fliegt. Und so weiter. Ob der Seelöwe wirklich weiß, warum er klatscht? Egal. Unwichtig. Hauptsache: reagiert, äh, (a)dressiert. Der weltberühmte Costas per Click hebt die Hände nach oben zum Zirkuszelt-Himmel, als sei er Zeus persönlich: „Oh, edles Publikum, ihr seid schärfer im Geiste als ein Philosoph auf nüchternem Magen! Gestern noch verlangte derselbe Seelöwe fünf Euro. Ein Preis, bei dem selbst ein Spartaner gezuckt hätte! Doch heute? Drei nur! Ha! Das, meine Freunde, nennt man nicht Zufall. Das nennt man wahre Performance!“ Niemand fragt den Seelöwen, warum er klatscht. Oder warum er auch nicht klatscht. Oder ob er überhaupt noch leben will. Die Zahl ist kleiner als bei der letzten Show und damit ein Highlight im Zirkus-Report. Costas tanzt sich in Rage. „WIR KÖNNEN NOCH BILLIGER!“ Die Quitsche-Hupe von Clown Pixel beschleunigt die Show. Mehr Münzen. Mehr Flossen. Mehr Perfomance. Die Seelöwen klatschen sich wund. Ihre Augen leer wie PowerBI-Dashboards ohne Kontext. Costas per Click ist die große Nummer. Sie misst zwar nicht Interesse. Sie misst auch nicht Wirkung. Sie misst nur, wie wenig Geld nötig ist, um eine Reaktion auszulösen, die eigentlich niemand braucht. Ich denke an die vergangene Werbewelt: „Früher haben wir Werbung wie Kunst gezeigt, damit Menschen staunen, träumen und lachen. Mit Inhalt. Mit Story. Mit Witz“. Und heute messen wir: „Die Seelöwen klatschen billiger als gestern.“ Vorhang zu. Budget leer. KPI erreicht. Kurze Pause. Das Zirkus-Zelt braucht dringend frische Luft. Nur die Aushilfskräfte vom friesischen Fischdelikatessenstand „Hai-Happen“ fühlen sich hier wohl.
Akt 6: Leads. Das Kaninchen mit E-Mail-Adresse.
Nach dem Pause-Ende-Gong verdunkelt sich das Zelt und mystische Musik setzt ein. Ein Scheinwerfer-Spot fällt auf die Manege. Hereinspaziert kommt "der große Magier Leadini“: schwarzer Umhang, viel Glitzer, sehr wenig Kontext. In der Hand hält er einen alten Zylinderhut und auf der Brust trägt er sein Namensschild: „Der mächtige Conversiono“. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen und erwarten Unglaubliches. Der Zauberer greift in den Hut und es passiert: nichts. Noch einmal. Wieder nichts. Dann ein lauter Knall, ein Konfetti‑Blitz. Nebel. Licht. Puff. Ein kleiner Zettel fällt zu Boden. „EIN LEAD!“ schreit der Magier. Tosender Applaus. Die Sales Force-Crowd hyperventiliert. Niemand weiß, woher der Zettel kam. Niemand weiß, was draufsteht. Niemand weiß, ob die Person dahinter jemals existiert hat. Aber: Er ist da. Mit E‑Mail‑Adresse „zuckermausasia67@gmx.de. Das reicht. Handschriftlich. Unleserlich. Großartig. Der Magier erklärt stolz: „Dieser Mensch ist interessiert!“ Zauberei. Das Publikum nickt ehrfürchtig. Jetzt fühlt sich Marketing an wie ein Klassentreffen in Hogwarts. Was keiner weiss: Zuckermaus wollte eigentlich nur am Frühlings-Gewinnspiel teilnehmen und einen Tipp abgeben, wie viele Tennisbälle in eine Hornbach-Schubkarre passen. Aber jetzt hat er seinen Namen hergegeben. Zuckermaus ist nun offiziell ein qualifizierter Kontakt. Master-Data-Merlin legt nach. Noch ein Griff in den Hut. PUFF! Noch ein Lead! Und noch einer. Und noch einer. Hier fallen die Leads wie schüchterne Kaninchen aus dem Hut, alle mit leicht panischem Blick. Ob sie etwas bei uns kaufen wollen? Vielleicht später. Leads sind die Main-Acts des Zirkus-Reportings, bei der alle jubeln, weil etwas gezaubert wurde. Aber bitte nicht vergessen: ein Lead ist kein Kunde. Er ist ein Versprechen. Ein Vielleicht. Ein „Ich war kurz verwirrt, bin aber höflich geblieben.“ Und während der Magier sich verbeugt, freuen wir uns über die E-Mail-Adresse. Vorhang zu. CRM-Daten-Pool voll. Zauber gelungen. Alle verwirrt.
Akt 7: Verweildauer. Der hypnotisierte Gaukler.
Die Lead-Karnickel sind alle aus dem Zelt direkt in den CRM-Datenpool gehopst und der Sales-Force-Nebel verzieht sich so langsam. So richtig hell wird es aber nicht. Neuer Nebel kriecht über den Boden der Manege. Dieses Mal im Edgar Wallace-Style. Man hört eine alte Kirchturm-Uhr ticken. Tick-Tack. Tick-Tack. Rumms. Jetzt kommt der Hexer von One-Web. Ein Data-Hypnotiseur, der Wert auf elegante Kleidung und Data-Analysis legt. Schwarzer Anzug, silberne Taschenuhr, Blick so leer wie ein Analytics‑Dashboard um 3:47 Uhr nachts. Der Website-Hexer hat eine mächtige Enterprise-Glaskugel von Google Analytics 4 in der Hand. Sie bietet höhere Datenlimits, längere Datenspeicherung, Sub-Properties sowie Rollup-Properties, höhere BigQuery-Exportlimits sowie SLA-gestützte Leistung. Google Analytics 360 ermöglicht zudem explorative Gesamtdatenanalysen ohne Stichproben. Niemand versteht diese Welt, aber es ist ja auch nicht umsonst der Hexer. In der Kugel sieht man verschwommen einen Mann. Reglos. Starrend. „SEHEN SIE DAS?“, flüstert der Hexe-Website-Analyst ehrfürchtig ins Publikum. „Der Mann ist seit fünf Minuten auf unserer Website.“ Ein Raunen geht durch das Zelt. „JETZT SIND ES ZEHN.“ Tosender Applaus. Hohe Verweildauer! Der Hypnotiseur schwingt die Uhr. Tick. Tack. Der Mann bewegt nichts. Scrollt nicht. Klickt nicht. Kauft nicht. Aber er ist da. Und das zählt. Was niemand weiß: Der Mann sitzt in der Kieler Mode-Boutique „Vintage Flair“ und wartet darauf, dass seine Verlobte mit dem Durchstöbern der Second-Hand-Wühltische fertig wird. Oder dass das WLAN wieder geht. Oder, dass das Leben ihm generell ein Zeichen der Besserung sendet. Doch im KPI‑Zirkus-Zelt gilt: Stillstand ist Interesse. Wer lange bleibt, liebt es. Wer geht, hat nicht verstanden. Verweildauer ist Romantik mit Stoppuhr. Der Hypnotiseur ruft: „Je länger er bleibt, desto tiefer ist seine Bindung!“ Und alle nicken. Der Verlobte hat die Ruhe weg. Regungslos. Wie ein Spanner mit Fernglas im FKK-Bereich auf Usedom. Verweildauer ist die Zirkusnummer, bei der Marketing glaubt, Zeit sei gleich Bedeutung. Der Vorhang fällt. Der Mann in der Glaskugel wacht auf. Er schließt den Website-Tab. Im Reporting steht später: „Starkes Engagement.“ Ich murmele leise vor mich hin: „Wenn Verweildauer Interesse ist, dann ist Schlaf die höchste Form von Begeisterung.“ An Schlafen ist aber nicht zu denken, jetzt wird hypnotisiert.
Akt 8: View Through Rate. Das große Finale der Selbstbelügung.
Der Vorhang hebt sich langsam. Schon wieder Rauch. Sphärische Musik überspielt mein Husten. In der Mitte der Manege steht ein einfacher, unspektakulärer Tisch mit einer großen Kristallkugel. Hinter dem Tisch erscheint wie aus dem Nichts „Madame View‑Through“, die einzige KPI‑Wahrsagerin mit Youtube‑Lizenz. „Meine Damen und Herren“, flüstert sie geheimnisvoll, „Sie haben nichts gemacht … und trotzdem wirkt es.“ Ein Raunen geht durch das Zelt. Madame View‑Through greift nach der Kugel und blickt tief hinein. „Diese Frau dort hat Ihren Werbespot NICHT geklickt.“ Stille. „Sie hat NICHT reagiert.“ Noch mehr Stille. „Sie hat auch NICHT gekauft.“ Spannung. Dann hebt die Wahrsagerin triumphierend den Finger: „ABER… sie hat den ganzen Werbespot bis zum Ende verfolgt.“ Explosiver Applaus. Standing Ovation. Ein Controller kippt vom Stuhl. Die View‑Through‑Rate ist die Zirkusnummer, bei der Marketing-Manager beschließen, Gedanken messen zu können. „Wer den Werbespot bis zum Ende geschaut hat, ist höchst engaged und steht kurz vor einer nennenswerten Aktienbeteiligung.“ Der Zauberer Leadini freut sich schon. Was aber keiner weiß. Der Werbespot wurde als Pre-Roll-Ad non-skippable eingekauft. So ist das eben mit der Magie. Wenn man hinter die Kulissen blickt, verliert der Zauber leider seine Faszination.
Großes Finale. Das KPI-Reporting-Feuerwerk.
Alle Scheinwerfer sind an. Der Zirkus-Direktor kommt zufrieden lächelnd in die Manege. „Meine Damen und Herren, liebe Zahlenfüchse und Daten-Liebhaber! KPIs sind die Zahlen, mit denen hilflose Marketing-Manager versuchen, Gefühle zu interpretieren und Ideen messbar zu dressieren. Sie kommen als Zirkus vorbei: laut, bunt und voller Versprechen. Bruttoreichweite brüllt durchs Dorf, Nettoreichweite sortiert an der Tür, Impressions werfen Konfetti, Klicks klatschen reflexartig, Cost per Click stellt Preisschilder auf, Leads fallen aus Zylindern, Verweildauer hypnotisiert und View‑Through‑Rate liest Gedanken, die nie jemand hatte. Jede Zahl hat ihren Moment, ihre Bühne, ihr Kostüm. Und jede ruft: „SIEH MICH AN! ICH ERKLÄRE DIE WELT!“ Der Vorhang zieht nach oben weg und alle Zirkus-Attraktionen kommen in die Manege zum großen Finale. Der Zirkus-Direktor fährt mit seiner finalen Rede fort: “KPIs wollen eine Controller-Ordnung schaffen in einem Geschäft, das von Werbe- und Emotions-Chaos lebt. Sie tun so, als sei Aufmerksamkeit steuerbar, Interesse planbar und Wirkung rückverfolgbar wie ein verlorener Koffer am Flughafen. Sie geben Sicherheit, Struktur und sehr hübsche Balkendiagramme. Und manchmal erzählen sie sogar etwas Wahres. Kurz. Bevor es wieder jemand überinterpretiert.“
Und ich füge noch kleinlaut hinzu: „Eine wirklich gute Idee lässt sich nicht ableiten oder sogar faktisch dressieren. Sie läuft frei durchs Zelt und alle geben ihr den Raum. Sie ist präsent. Sie bleibt hängen. Man denkt über sie nach. Sie lebt von Freiheit und Freiwilligkeit. Sie erzeugt ein Must-have-Moment und ist mal ruhig und mal leidenschaftlich wild. Denn so ist Werbung.“
Und jetzt das große Finale:
Feuer, Rauch, Musik. Zahlen tanzen, Diagramme explodieren, Controller jubeln. Analysten tracken. Data-Manager optimieren. Und dann: wieder Stille. Ein Elefant tritt ins Scheinwerferlicht. Groß. Ruhig. Unübersehbar. Kein KPI. Eine Idee. Man misst ihn nicht. Man redet über ihn. Vorhang zu. Zelt voll. Marketing lebt. Ich bin am Bierstand und trinke auf große Bilder, große Gefühle und große Reichweiten. Ganz ohne Netz und doppelten Boden. Und meistens auch ohne Excel. Aber der KPI-Zirkus zieht weiter. Ich halte ihn nicht auf. Ich zaubere mit. Denn mir ist auch nicht mehr zu helfen. Hoffentlich übernimmt das auch bald die KI.