Juuten Tach.

Herzlich willkommen bei "Unfassbar. Lustig!"

 

Oft wundere ich mich, was diese wirklich "kranke" Welt für mich mal wieder bereithält, obwohl ich gar nichts davon bestellt habe.

 

Und das schreibe ich dann hier auf. Was Euch dabei erwartet? Euch erwartet ein etwas anderer Blick auf die merkwürdigsten Augenblicke meines Alltags. Denn vieles was passiert, ist wirklich unfassbar. Und auf den ersten Blick auch gar nicht so lustig. Sondern eher ärgerlich. Aber jede Situation hat noch einen zweiten Blick verdient. Und dann wird’s auch wieder lustig. Also, ich biete Euch hier ab und zu ne kurze Story. Mal mit feinem Spott und bissiger Ironie. Mal aus der Sicht der puren Verzweiflung. Ganz oft aber einfallsreich lustig oder einfach nur komisch. Und Ihr?! Müsst einfach nur lesen und lachen. Gemeinsam sind wir lustig. Ach ja - und die "älteren" Storys findet Ihr dann in der Rubrik "Was bisher geschah". Schaut mal ganz nach oben.

 

Euer Olli Dahlke - Botschafter des Humors.

 

Tuff, tuff, tuff, ich fahre mit dem Zug.

 

Was soll ich sagen? Die Badehose ist schon vor dem Sprung in das nasse Becken ganz feucht. Aufgrund einer verspäteten Bereitstellung des Zuges  starte ich mit 30 Minuten Verspätung. Nur gut, dass ich die letzten Meter extra unter Zeitdruck und spürbarem Harndrang zum Gleis gerannt bin. Natürlich am WC-Center vorbei. Gehe jetzt noch schnell im fremden ICE nach Basel auf´s WC. Drückt die Daumen, dass er nicht vorzeitig das grüne Signal erhält und losfährt. Was soll ich denn bitte schön in Basel? Ich will ja nur geschwind auf´s Töpfchen. Eigentlich geht es heute nach Düsseldorf.

 

Zeitsprung. 10 Minuten später. Ich springe erleichtert aus dem WC-Zug nach Basel und warte nun auf den einfahrenden Zug nach Köln Hauptbahnhof mit Zwischenstopp in Düsseldorf. Ich warte nicht allein. Das Seniorenheim aus Berlin Spandau hat ihre rüstigste Damen-Riege auf einen von Aktion Mensch organisierten Gute-Laune-Ausflug nach Hannover zur Kaninchen-Schau 2026 geschickt. Sie haben beim Wichteln zu Weihnachten Gruppen-Freikarten gewonnen. Manche freuen sich so sehr, dass sie Kaninchen-Geräusche nachahmen und dabei mit einer großen Möhre winken. Sie scheinen gut vorbereitet zu sein. Der Ober-Gaylord der Reisegruppe in Leder mit Regenbogenfahnen sieht die Möhre, verdreht die Augen und fängt leise an zu stöhnen. Er spürt die Kaninchenschau schon deutlich vor der Einreise nach Köln Hauptbahnhof. Zwei wilde Grundschulklassen wollen in Leipzigs wunderbaren Zoo. Um 09:00 Uhr haben sie Premiumplätze bei der Pavianfütterung gebucht. Dann passiert das Unvermeidliche. Ding Dong. Eine Information zu unserem Rheinland-Express schallt durch den blechernen Lautsprecher. Gleisänderung für ICE 642. Das bringt ordentlich Bewegung in die Masse. Beide Rolltreppen sind defekt und alle müssen die Treppe rauf und beim anderen Gleis wieder runter. Und das innerhalb der nächsten 5 Minuten, da der ICE bereits abfahrbereit wartet und mit den Schienen-Hufen scharrt. Chaos bricht aus. Manche springen direkt vorneweg, wie beim Speedklettern in der Kletterhalle oder ob sie sich auf einen Igel gesetzt haben. Ich hingegen helfe zwei Seniorinnen der Hasentruppe mit ihren Koffern. Als Dank bekomme ich einen liebevollen Stubs mit der Möhre in den Bauch und die Worte: „Vielen Dank, Hasi. Bist ein Guter“. Ein Dankes-Küßchen auf die Wange kann ich gerade noch abwenden. Der Schaffner macht jetzt Druck. Letzter Aufruf für alle Reisenden nach Köln-Hauptbahnhof. Homo-, Schul- und Seniorengruppen liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen um die besten Plätze und wer als Erstes in den Zug einsteigen darf. Ich renne aus Reflex mit.

 

Und tatsächlich haben es alle in den Zug geschafft. Doch leider sind die Reisenden mit Sitzplatz in Wagen 27 in den Wagen 21 eingestiegen und die Bundeswehr-Crew auf dem Weg ins Hildesheimer Wald-Biwak steht wie ein Fels in Wagen 25. Der Leutnant gibt das Zeichen zum Aufrödeln. Vier Soldaten setzen sich mit Rucksack, Waffe, Schutzweste dynamisch in Bewegung. In Wagen 24 kommt es zum unvermeidlichen Feindkontakt mit der Senioren- und der LGBTQPlus-Bewegung. Der Durchgang ist viel zu eng. Seniorin Irmtraut traut sich als Erste. Sie profitiert von ihren jahrelangen Schlangenbewegungen an der Dance-Stange in Hamburgs Ritze und versucht sich an den Soldaten „vorbeizuschlängeln“. Als der Bundeswehr-Feldwebel Burkhard eine harte Möhre in seinen Rippen spürt, erschreckt er sich so sehr, dass er mit seinem Rucksack der lieben Schlangenfrau Irmtraut ein Teilstück des künstlichen Gebisses aus dem Mundwinkel schlägt. Die Dritten fallen zu Boden. Gaylord Maik geht direkt zum Suchen auf die Knie und dann wird es ganz wild. Seniorin Waldtraut reitet auf Maik Richtung Wagen 23 und der 21jährige  Zeitsoldat Hubert aus dem 3. Panzer-Abwehr-Bataillon Hubertushagen schießt sich den Weg Richtung Wagen 27 frei. Der Schaffner ruft laut: „Fahrausweise bitte“.

 

Es dauert eine gute Stunde bis wieder Ordnung im Zug herrscht. Beide Schulklassen haben gleich zwei Aha-Effekte. Erster Aha-Effekt: Ihre  Aufsichts-Lehrer sind gar nicht im gleichen Zug. Zweiter Aha-Effekt: Der Zug fährt gar nicht nach Leipzig. Zoo und Pavianfütterung damit adé. In Wolfsburg steigen 30 Schüler und Schülerinnen traurig aus dem Zug aus. Ich rufe ihnen hinterher: „Tschüß, ihr Affen!“. Die Lage entspannt sich dadurch merklich. In Hannover steigen dann zwei Biospähren-Forscher mit einem 1m x 1m großen Nistkasten aus zertifiziertem Eichenholz mit aufgepikten Schmetterlingssorten ein. Der Schaffner bemängelt sofort, dass der Schmetterlingskasten im Durchgangsweg steht. Das geht ja gar nicht. Beim Umsetzen kippt das Ding um, und 3-4 seltene Schmetterlinge fallen auf den Boden unter den Sitz. Ein Jugendlicher möchte helfen und sucht, fühlt und greift blind mit langem Arm unter den Sitz. Er findet zwei Kaugummis, einen In-ear-Airpod 2, einen Legostein und ein vier Tage altes Mettbrötchen mit Zwiebeln. Ekelhaft. Aber dann ruft er plötzlich: „Hier. Ich habe was. Jetzt habe ich was!“ Er steht auf und streckt den Fund in die Höhe wie Lionel Messi den WM-Pokal 2022 im Lusail Iconic Stadium in Katar. Das blutige Teilgebiss von Irmtraut. Was ein Glück. Ich pike es direkt in den Schmetterlings-Setzkasten an die leere Stelle mit dem Namen „Papilio Denture“ an. Der kurzsichtige Schmetterlingsforscher bedankt sich bei mir und schenkt mir einen Gutschein zum freien Eintritt in den Garten der Schmetterlinge und dem Insektenmuseum in Bielefeld. Das hat sich gelohnt.

 

Dann wieder eine Durchsage: „Guten Tag meine Damen und Herren, das Boardpersonal hat in Minden gewechselt. Ich bin ihr neuer First-Travel-Officer. Mein Name ist Leander Pfannenstiel-Bergmann und ich freue mich mit meiner Crew ihre Wünsche zu erfüllen. Haben Sie Fragen zum Fahrplan oder zum Komfort-Sitz, dann sprechen Sie mich gerne an. Besuchen Sie uns gern im Bordrestaurant in Wagen 22. Thank you for travelling mit Deutsche Bahn.“ Aber er sagt es nicht einfach so – er singt es im Rhythmus von Helene Fischers Atemlos. Das bin ich jetzt auch: atemlos und müde. Ich setze meine Schlafmaske mit den aufgedruckten Homer Simpson Augen auf und nicke direkt weg. Mein Traum von einer FKK-Bahnreise mit Heidi Klum und ihren Top-Modells nach Thailand findet ein jähes Ende. Ich spüre etwas Hartes an meiner Wange. Seniorin Irmtraut drückt mir eine Möhre ins Gesicht und fragt, wo ihr Gebiss ist. Der Schaffner meint, ich hätte es gefunden. Für den ersten Moment bin ich glücklich, dass es Irmtraut ist und nicht der Gaylord Maik. Im zweiten Augenblick zucke ich mit den Achseln und mache die Augen wieder zu. Hamm, Dortmund, Bochum, Essen, Duisburg verschlafe ich in einem Zug. In Kürze erreiche ich Düsseldorf Hauptbahnhof. Meinen Zielbahnhof. Ich bedanke mich bei Helene Pfannestiel-Bergmann und bereite mich auf den Absprung vor. Die Lautsprecher verabschieden mich mit den Worten „Take care und Goodbye“. Ich springe ab.

 

Der Zug fährt weiter. Und ich habe mein Smartphone im Gepäcknetz im Zug liegen lassen. Im Bahnhofs-Servicepoint schildere ich meinen Fauxpas. Ich erzähle von Irmtraut, den Schmetterlingen, den Bundeswehrsoldaten und vom First-Travel-Officer Leander Helene Fischer und einer Möhre. Wir rufen vom Deutsche Bahn Servicepoint auf meinem Handy an. Worst Case. Der Gaylord Maik nimmt ab. Er würde mir das Smartphone gern persönlich übergeben, wenn wir uns treffen. Er wartet in der Gayworld Duisburg im Erlebniskino auf mich. Ich erkenne ihn wohl an der viel zu engen Lederbadehose in pink. Wenn ich ihm das vereinbarte Codewort „Anlauf statt Gleitgel“ zuflüstere, wird er mir das Smartphone zurückgeben. „Nein, danke“, sage ich. Da würde ich lieber das vier Tage alte Mettbrötchen mit Zwiebeln in einem Happs verschlingen. Ich lege auf und gehe direkt zum nächsten O2-Shop. Ich brauche ein neues Handy. In diesem Sinne, "thank you for travelling with Deutsche Bahn!“ Ich freue mich schon auf die Rücktour.

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